Live-Gottesdienst zum Jahresabschluss 2020

 

Sorry,
leider gab es am Silvesterabend einige technische Probleme mit der Übertragung.
Inzwischen ist der Link auf unserer Homepage www.tersteegenkirche.de und Sie können den Gottesdienst mit Prädikant Horst Gieseler in Ruhe anschauen.

Pfarrerin Dorthe Schmücker als Gast aus der ev. Gemeinde Unterrath

Monika Rydz

        

 

 

Sonntag, 3. Januar 2021

Die nicht gehaltene Predigt für den Gottesdienst am Sonntag von Prädikant Horst Gieseler:

 

 

 

Der heutige zweite Sonntag nach dem Christfest kommt eher selten vor.

Er verlängert die Weihnachtszeit, die mit dem Epiphaniasfest zum Abschluss kommt, in das neue Jahr hinein. So stehe ich vor der Aufgabe, die Botschaft des Christfestes im Auge zu haben, zugleich aber nach weiter gehenden Akzenten dieses Sonntags zu fragen, die sicher auch dadurch gegeben sind, dass durch die Texte eine gewisse Übergangsstellung dieses Tages deutlich wird.

Erzählen die Evangelientexte von Christvesper bis zum 1. Sonntag nach dem Christfest Jesu Kindheitsgeschichte, bildet der Predigttext aus Lukas 2, 41 – 52 mit der Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel eine Hinführung zum erwachsenen Jesus, wie er dann am 1. Sonntag nach Epiphanias bei der Taufe in Erscheinung tritt.

Lesung (zugleich Predigttext):
Hören wir als Lesung den Predigttext, der bei Lukas im 2. Kapitel, die Verse 41 – 52 aufgeschrieben ist:

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passahfest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.  Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.
Amen.

Predigt:  zu Lukas 2, 41 – 52
Gott, ganz nahe bist Du bei uns im Alltag unseres Lebens. Das gibt Mut. Öffne unsere Herzen und Sinne, dass wir deine Fingerzeige wahrnehmen und den Weg finden, den du uns zeigen willst.

Liebe Gemeinde, wann sind Sie zum letzten Mal von einem Menschen vollkommen überrascht worden – vielleicht angenehm, vielleicht aber auch sehr enttäuschend? Vermutlich geht es Ihnen wie mir: Spontan würde ich sagen, so ganz oft passiert das nicht. Meist kann ich die Menschen, mit denen ich zu tun habe, ganz gut einschätzen. Ich kenne die Vorlieben und Abneigungen. Ich kann mir in den meisten Situationen denken, wie der andere sich verhält oder entscheidet.

Aber dann passiert doch etwas Unvorhergesehenes, etwas, mit dem unter normalen Bedingungen niemand rechnen konnte.

Ich denke an ein befreundetes Ehepaar. Lange Jahre sind sie verheiratet – wie ich auch. Sie haben Kinder. Und auf einmal lernt seine Partnerin die gleichgeschlechtliche Liebe ihres Lebens kennen. Sie verlässt von einem Tag auf den anderen ihren Mann und die Kinder. Begreifen kann ich das nicht. Ratlos stehe ich da und frage mich, was passiert ist.

Und ich erinnere mich an eine, die mir eigentlich immer unsympathisch war. Bei einem schwierigen Problem, das ich so ohne weiteres nicht lösen konnte, bot sie mir Hilfe an. Sofort fragte ich mich, wo wohl der Haken sein könne? Was will sie als Gegenleistung? Wird sie allen erzählen, dass sie mir geholfen hat und sie eigentlich dem Projekt zum Gelingen verholfen hat? Es fiel mir sehr schwer, sie einfach nur als hilfsbereite Kollegin zu sehen, die mich einfach aus Interesse an der Aufgabe unterstützen wollte, ohne für sich einen Nutzen daraus zu ziehen.

Besonders fällt mir das bei der Erziehung von Kindern auf, bei den eigenen, nun schon erwachsenen oder den vielen, die ich als Schülerinnen oder Schülern unterrichtet und als Klassenlehrer begleitet habe.

Spätestens in der Pubertät der Kinder sind wir als Eltern oft genötigt wahrzunehmen, dass vieles von dem, was wir uns gewünscht und erwartet haben, sich in ganz andere Richtungen entwickelt. Die kleine Persönlichkeit, die wir so manches Mal glaubten, gut einschätzen zu können, zeigt sich mit einem Mal von einer ganz anderen Seite, entwickelt Charakterzüge und Verhaltensweisen, die wir ihm oder ihr nie zugetraut hätten.

Ja, liebe Gemeinde, und um eine ähnliche Situation geht es auch in der heutigen Geschichte, die wir soeben in der Lesung gehört haben.

Hier tritt Jesus zum ersten Mal im Lukasevangelium als Handelnder in Erscheinung. Er steht als 12-Jähriger mit Eigeninteresse im Mittelpunkt der Erzählung. Zusammen mit seinen Eltern erfüllt er die religiöse Pflicht, zum Tempel nach Jerusalem zu reisen. Anders als andere Pilger bleibt er aber nach dem Ende der Passahfeierlichkeiten in der Stadt zurück. Ihn zieht es dorthin, wo die Tradition seiner Religion mit Händen zu greifen ist. Im Tempel finden sich die Gelehrten, die sich mit den Schriften und Überlieferungen des jüdischen Volkes auskennen.

Jesus fragt und hört. Er macht sich in intensiver Weise mit den Überlieferungen der Väter bekannt. Er geht regelrecht auf in jüdischem Leben und jüdischem Glauben. Die Welt um ihn herum, seine Familie, die Heimreise, alles gerät in den Hintergrund angesichts des großen Zieles, vorbereitet zu sein auf das, was auf ihn zukommt. Er scheint es einfach zu vergessen – und bleibt im Tempel, im Gespräch mit den Gelehrten seines Volkes.

Natürlich kann seine Familie mit seinem Fehlen nicht so gelassen umgehen wie Jesus selbst, welche Eltern könnten das schon. Eine Tagesreise sind sie schon von Jerusalem entfernt, als sie merken, dass ihr Sohn nicht da ist. Ich stelle mir vor, wie sie ihn suchen. Erst ärgerlich, zunehmend aber voller Angst fragen sie Freunde und Verwandte, ob und wann sie Jesus gesehen haben. Schließlich kehren sie zurück nach Jerusalem. Auch dort fragen sie nach Jesus. Und sie finden ihn im Tempel.

Was jetzt passiert, können wir uns ganz gut vorstellen: “Warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht”, fragt seine Mutter. Man hört deutlich den vorwurfsvollen Unterton. Jesu Antwort macht die Situation nicht besser. “Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr denn nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?” An dieser Stelle bricht das Gespräch ab.

In unserer Fantasie können wir uns ausmalen, wie es dann weitergehen könnte. Es ist wie aus unserem Leben, das Leben einer Familie, gegriffen. Dennoch ergeben sich für mich Fragen, bleibt vieles an dieser Szene rätselhaft.

Ob die Eltern verstehen, was sich dort im Tempel ereignet hat, was angedeutet wird durch dieses übergroße Interesse am Glauben? Ob sie ahnen, was wir wissen: dass Jesus nicht nur ihr Kind ist? Ob sie sich gewundert haben, dass das Kind einfacher Handwerker so ein großes Interesse an intellektuellen Fragen entwickelt? Ob sie sich wirklich mit so einer Antwort haben abfertigen lassen?

Als Vater wäre ich auf jeden Fall ärgerlich gewesen – und nach der Freude, ihn wiedergefunden zu haben, hätte es schon auch noch eine deutliche Ansage gegeben, dass so etwas nicht wieder zu geschehen hat.

Der biblische Text, liebe Gemeinde, ist mit all dem merkwürdig sparsam. Am Ende dieser Geschichte ordnet sich Jesus wieder ein. Er kehrt als gehorsamer Sohn mit seinen Eltern nach Nazareth zurück. Das kurze Aufbäumen ist zunächst einmal vorbei. Bis zur Taufe durch Johannes ist Jesus wieder der Sohn von Josef und Maria, ein normaler Jugendlicher.

Ich frage mich, warum Lukas als einziger Evangelist diese Geschichte in sein Evangelium aufgenommen hat. Ich denke, Lukas will sagen: Jesus ist nicht nur das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. Er hat eine Aufgabe, die ihn hier zum ersten, aber wie wir wissen, nicht zum letzten Mal, in Konflikt mit den Erwartungen seiner Umwelt bringt. An dieser Stelle trifft es zunächst seine Familie; die Menschen, die ihm wohl in diesem Lebensalter am nächsten stehen. Im Laufe seines Lebens werden sich andere an seiner verborgenen Seite, die immer wieder zutage tritt, reiben:

Seine Mitmenschen bekommen es nicht nur mit dem Sohn von Maria und Josef zu tun, sondern auch und zuerst mit dem Gottessohn. Gott kommt selbst in Menschengestalt, um heil zu machen, was zerbrochen ist – die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Er selbst kommt zu uns als Mensch, um zu versöhnen, um neues Leben in Gemeinschaft zu schenken und zu ermöglichen.

In der Erzählung vom 12-jährigen Jesus im Tempel blitzt diese Erkenntnis nach der Geburtserzählung zum zweiten Mal auf. Und auch diese Geschichte wird – wie die Weihnachtsgeschichte – vom Unverständnis derer durchzogen, die mit Jesus auch mit Gottes großem Geheimnis zu tun bekommen. In ihm ist Gott bei den Menschen – zum Greifen nah, im Tempel, ganz Mensch, der die Tradition seiner Religion, in der er seine Wurzeln hat, begreifen will.

In Jesus ist Gott nahe bei den Menschen – und sprengt zugleich immer wieder die Bilder und Vorstellungen, die Menschen sich von ihm machen. Lukas komponiert das besonders kunstvoll: keine normale “standesgemäße” Geburt im Palast, nun kein “normaler” Jugendlicher – und später eben kein “kalkulierbarer” Wunderheiler.

Bis heute sprengt Gott in Jesus Christus alle Bilder, liebe Gemeinde. Er taugt weder zum Weltverbesserer noch zum Revolutionär. Je stärker ich ihn auf ein Bild reduziere, desto mehr entzieht er sich – und enttäuscht mich im wahrsten Sinne des Wortes. Und dann – dann begegnet mir in Jesus Gott in seiner Fülle selbst. Jedoch nie so, dass ich ihn habe. Jesus lässt sich eben nicht für unsere Vorstellungen und Zwecke vereinnahmen und missbrauchen, damals sowieso nicht und heute eben auch nicht.

Der 12-jährige Jesus im Tempel – er lädt dazu ein, unsere Gottesbilder zu überprüfen, zu weiten und zu öffnen für neue und überraschende Begegnungen mit Jesus Christus. Wer es mit Gott zu tun bekommt, merkt schnell, dass Gott ins Herz blickt und sich nicht von den eigenen Bildern blenden lässt. In diesen ganz besonderen Augenblicken spüre ich: Ich bin gemeint! In Jesus blickt Gott selbst mich an, schaut bis auf den Grund meines Lebens durch alle Fassaden hindurch.

Im Alltag nehme ich das oft nicht wahr. Da stehen mir meine Bilder von der Begegnung mit Gott im Weg. Manchmal merke ich es erst, wenn ich zurückschaue: Hier ist heil geworden, was zerbrochen war; da habe ich Stärkung in großer Schwäche erfahren; dort habe ich mich getragen gefühlt, als ich eine schwierige Entscheidung treffen musste. In solchen Momenten bekomme ich eine Ahnung davon, was es heißt, dass in Jesus Christus der Abgrund zwischen Gott und Mensch, zwischen Gott und mir überwunden ist. Von solchen Erfahrungen lebt mein Glaube an den lebendigen Gott, und mein Zutrauen, dass Gott mich weder im Tod noch im Leben fallen lassen wird.

Manchmal jedoch wird mein Leben ganz schön durcheinander gebracht durch Gott, der sich nicht um meine Bilder schert und einfach ist, wie er ist.

Ich habe mich in manchen Gegebenheiten meines Lebens ganz gut eingerichtet. Da bin ich nicht immer darauf aus, eine verändernde, vielleicht sogar unbequeme Begegnung mit meinem Gott zu haben.

Wenn es Ihnen auch so geht, dass wir oft eigentlich nur unsere Ruhe haben, nicht aufgescheucht werden wollen, dann dürfen, ja müssen Sie genauso wie ich diese Erzählung vom 12-jährigen Jesus im Tempel als eine Anfrage verstehen.

Hat mein Glaube Platz für neue Erfahrungen mit dem lebendigen Gott? Oder habe ich mich gemütlich eingerichtet in dem Gefühl, schon ziemlich gut einschätzen zu können, was von Gott zu erwarten ist? Vielleicht wäre mein Glaube lebendiger und auch ansteckender, wenn ich der Leben schaffenden Gegenwart Gottes auch im Alltag mehr zutrauen würde.

Deshalb, liebe Gemeinde, lassen Sie sich mitnehmen von diesem Bibeltext. Mitnehmen in die Offenheit, dass Gott selbst immer wieder gut ist für eine Überraschung. Dass er selbst mit seiner verborgenen Seite heilend in Ihr und mein Leben treten will, um uns teilhaben zu lassen an der Gewissheit, dass es nichts gibt, was uns von ihm trennt, weil er selbst einer von uns geworden ist.

Jesus Christus hat das Haus seines Vaters für uns vorbereitet. Um diese Zuversicht darf ich immer wieder neu bitten. Damit sie mich durch das Leben trägt und zu einem Christenmenschen macht, der Gott viel zutraut – eben auch, mich zu überraschen.

Und der Friede Gottes, der ausgeht von dem Kind in der Krippe und dem Mann am Kreuz, höher denn alle Vernunft, be­wahre eure Herzen und Sinne in Glauben und Hoffnung und Liebe.
Amen.

Fürbitten und Vaterunser

Guter Gott, noch klingt die Weihnachtsfreude in uns nach. Durch die Geburt deines Sohnes Jesus Christus hast du den Abgrund zwischen dir und uns überwunden. Dafür danken wir dir.

Jetzt stehen wir am Beginn eines neuen Jahres. Manchmal wissen wir nicht, wo die Zeit geblieben ist. Wir blicken zurück auf das, was gut war und gelungen ist, aber auch auf das, was wir dir und unseren Mitmenschen schuldig geblieben sind. Alles legen wir in deine Hand. Segne, was wir Gutes tun konnten. Heile, wo wir Schaden anrichteten. Hilf einem jedem von uns durch das vor uns liegende Jahr.

Besonders denken wir heute an die Menschen, die in den Krisenregionen unserer Erde unter dem Hass und dem Machtstreben anderer Menschen zu leiden haben und im Krieg oder auf der Flucht bestehen müssen. Wir denken an die vielen Angehörigen, die um ihre an Corona verstorbenen Lieben trauern. Schenke ihnen Menschen, die das richtige Wort zur richtigen Zeit finden und von der großen Hoffnung deiner Heil schaffenden Nähe erzählen.

Gott, dein Wort ist wie das Licht in der Nacht. Es hat Zukunft und Hoffnung gebracht. Lass uns daraus in der Gegenwart leben.“

Texte und Fotos (soweit nicht anders angegeben): Hans Albrecht
Kontakt: Ev. Tersteegen-Kirchengemeinde, Presbyter Hans Albrecht
(Vors. Öffentlichkeitsausschuss), Tersteegenplatz 1, 40474 Düsseldorf,
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